über die internationale Zusammenarbeit zwischen der GAMBIA Solidarität Osnabrück und der Gambian Association of the Physically Disabled (GAPD)

Gambia liegt in Westafrika und ist eines der ärmsten Länder der Welt.

Seit ca. 15 Jahren arbeitet die Gambia Solidarität im Verein Avanti! nun mit der GAPD, der Organisation für Menschen mit einem körperlichen Handicap, zusammen. In Banjul betreibt die GAPD eine orthopädische Werkstatt, sie liegt direkt hinter dem Small Teaching Hospital.

Aktuell unterstützt Avanti! die GAPD durch Geld- und Materialspenden.

Darüber hinaus finden regelmäßig Besuche in Gambia statt, für einen lebhaften Austausch und für praktische Hilfe.

Hildegard Winkler von Avanti! berichtet von ihrem letzten Besuch im November 2017. Sie ist Osteopathin und konnte aktiv bei der medizinischen Versorgung verschiedener PatientInnen helfen. Im Vortrag berichtet sie über das Land und die Aktivitäten von Avanti! in Gambia.

  

Ort: RAMZ, Johannisstr. 131, Osnabrück  

Zeit: 18. Mai 2018, 18 Uhr

Wir dorkumentieren den NOZ-Artikel vom 30.3.2018  Bild und Text: Carolin Hlawatsch

Orthopädische Hilfsmittel für Gehandicapte in Westafrika

Dank Helfern der Gambia Solidarität, füllte sich der Container nach und nach mit gespendeter Orthopädietechnik. Foto: Carolin Hlawatsch

Dank Helfern der Gambia Solidarität, füllte sich der Container nach und nach mit gespendeter Orthopädietechnik. Foto: Carolin Hlawatsch

Osnabrück. Ein riesiger Container mit orthopädischen Hilfsmitteln für Menschen mit körperlichen Handicaps befindet sich jetzt auf dem langen Weg von Osnabrück nach Banjul, Hauptstadt des westafrikanischen Staats Gambia. Beladen und auf die Reise geschickt haben ihn Mitglieder der Gambia-Solidarität Osnabrück, ein Zusammenschluss innerhalb des Vereins „Avanti!“.

Rollstühle, Verbands- und Hygieneartikel, ein Pflegebett, Babywagen, Stehtrainer für die Physiotherapie wurden von Helfer zu Helferin bis hinauf auf die Ladefläche gereicht. Neun Freunde der Gambia Solidarität packten vor Kurzem auf dem Kasernengelände am Limberg über drei Stunden tatkräftig an, damit der Speditions-Lastwagen, ein Siebeneinhalb-Tonner, zügig zurück zum Hamburger Hafen rollen konnte, wo die Fracht auf ein Schiff verladen wurde. „Von dort aus wird es noch Wochen dauern, bis die Hilfsgüter in Banjul ankommen“, weiß Hildegard Winkler.

 

Hilfe für Rollstuhlwerkstatt

Die Osnabrücker Physiotherapeutin und Osteopathin war im November zusammen mit drei weiteren Mitgliedern der „Gambia Solidarität“ in Afrika. Dort vertieften sie die bereits seit 15 Jahren bestehende Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Nichtregierungsorganisation „Gambian Association for Physically Disabled (GAPD)“. Diese Organisation betreibt eine Rollstuhlwerkstatt in Banjul, in der Patienten mit staatlicher Unterstützung kostenlos versorgt werden. „Das ist einmalig in Westafrika. Und so kommen Menschen mit Behinderung oft von weither angereist, da es in den Nachbarländern Mali und Senegal keine vergleichbare Institution gibt“, weiß Hildegard Winkler.

Dieser Rollstuhlwerkstatt sowie dem in direkter Nachbarschaft liegenden Small Teaching Hospital mit seiner physiotherapeutischen Abteilung, sollen die orthopädischen Hilfsmittel aus Osnabrück zu Gute kommen. Gespendet wurden sie von RAS Orthopädie- und Rehatechnik Melle, Mennewisch Orthopädietechnik Osnabrück sowie von mehreren privaten Wohltätern. Um den Transport finanzieren zu können, hat die Gambia Solidarität einen Antrag beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) gestellt und erhielt daraufhin Fördermittel über die mit dem BMZ zusammenarbeitende Organisation „Bengo – Beratung und Projektförderung für private Träger in der Entwicklungszusammenarbeit“. Insgesamt ein halbes Jahr Vorlauf, für Förderanträge, Organisation einer Logistikfirma und die Regelung von Zoll-Formalitäten habe es gebraucht, bis der Container schließlich zum Beladen bereit in Osnabrück stand.

 

Hilfe zur Selbsthilfe

„Wichtig ist uns bei diesem, wie auch unseren anderen Projekten, dass Unterstützung langfristig dazu führt, dass sich die Menschen vor Ort selbst helfen können“, betonte der Osnabrücker Lehrer Klaus Berdelmann, Mitbegründer des Vereins Avanti!. So laufen bereits Anträge zur Finanzierung einer Prothesenherstellungsmaschine für die GAPD-Werkstatt, die nicht mehr auf deutsche Lieferungen angewiesen ist, sondern mit afrikanischen Materialen arbeiten kann.

Interview mit VOD-Mitglied, Osteopathin Hildegard Winkler aus Osnabrück

 

VOD: Frau Winkler, Sie engagieren sich im afrikanischen Gambia gemeinsam mit Kollegen des Vereins „Gambia-Solidarität“ für Menschen mit Handicap. Wie können Sie als Osteopathin helfen?

Hildegard Winkler: Osteopathische Diagnostik und Behandlung biete ich in Gambia nicht nur für Menschen mit Handicap an. Dadurch, daß die orthopädische Werkstatt der „Gambian Association of the Physically Disabled“ (GAPD), mit der wir mit unserem Verein kooperieren, an der einzigen Universitätsklinik von Gambia angeschlossen ist, habe ich vor allem im Small Teaching Hospital in Banjul Kontakt mit PatientInnen gehabt. Die medizinische Versorgung in dem westafrikanischen Land, eines der ärmsten Länder der Welt, ist katastrophal. Das fängt schon bei der mangelhaften Ausbildung von Medizinern und Angehörigen der medizinischen Berufe an. Die Medizin ist grundsätzlich genauso klassisch ausgerichtet wie hier in Europa. Für die Diagnostik mangelt es aber an Gerät, auf die sich unsere klassische Medizin so gerne stützt. Da habe ich als Osteopathin natürlich ganz andere Möglichkeiten. Dadurch, dass ich meine Augen, Ohren und Hände zur Diagnostik und Behandlung nutze, bin ich unabhängig von Maschinen – und – nicht zu vergessen, auch von Stromausfällen. Natürlich gibt es auch in Gambia massive strukturelle Läsionen, bei denen ich nicht kurativ, sondern nur lindernd behandeln kann. Aber die Vielzahl der funktionellen Erkrankungen, die auch in Gambia die Menschen leiden lassen, lassen sich hervorragend osteopathisch behandeln, ohne dass Geräte oder Medikamente, die selten vorhanden sind, benötigt werden. Leider ist es in Gambia so, dass als „Allroundmedikament“ Paracetamol angewendet wird, was, wenn überhaupt, nur kurzfristig Symptome lindern kann.

VOD: Haben Sie konkrete Behandlungsbeispiele?

Hildegard Winkler: Beispiele gibt es viele. Was mir besonders hängengeblieben ist, ist die typisch gambische Behandlung von Rückenschmerzen ohne konkrete Diagnostik mit Paracetamol und Bestrahlungen aller Art. Meine Art der osteopathischen Diagnostik, von Anamnesegespräch bis Untersuchung, war den medizinischen KollegInnen sehr fremd. Dass die Hände benutzt werden können, um Blockaden auf allen Gewebeebenen zu lösen, ist dort nicht bekannt. Ich konnte einige PatientInnen mit Schmerzsyndromen wenig aufwendig und mit viel Erfolg behandeln. Auffällig in Untersuchung und Anamnese war häufig die sehr einseitige Ernährung, die aufgrund der Armut wenig zu ändern ist, die aber zu vielen Problemen des Gastrointestinaltraktes führt. Hier ist die osteopathische Behandlung optimal, das Gewebe kann leicht vitalisiert und mobilisiert werden, und die Beschwerden sind schnell gelindert.

VOD: Wann sind Sie das erste Mal in Gambia gewesen, und wie oft waren sie seitdem dort?

Hildegard Winkler: Das erste Mal war ich persönlich 2016 in Gambia. Die „Gambia-Solidarität“ arbeitet aber bereits seit 15 Jahren mit der GAPD zusammen. Es hat lange gedauert, bis ich meinen Kontakt, der per Email aufrechterhalten wurde, durch einen persönlichen Besuch intensivierte. Aber bereits bei meinem ersten Besuch haben mich Westafrika und Gambia gepackt. Das schöne Land hat mich begeistert, besonders die Menschen, die in absoluter Armut leben, aber dennoch eine Gelassenheit ausstrahlen, wie sie den Menschen im übersatten Europa fremd ist, hat mich fasziniert. Fast beschämt hat mich die enorme Gastfreundschaft, wenn ich daran denke, wie unfreundlich hier in Deutschland AfrikanerInnen aufgenommen werden. Deshalb war klar, dass ich von nun an jedes Jahr nach Gambia reisen werde; so war dies meine zweite Fahrt. Da ich meine Fähigkeiten unentgeltlich der Universitätsklinik zur Verfügung stelle und auch kleine Seminare für medizinische Berufe gebe, bin ich Gast der Universität und in einem Appartement der Universität untergebracht. Das ist sehr schön, da ich so mitten in der gambischen Stadt stecke und afrikanisches Leben voll mitbekomme. Touristen sehe ich so keine, und das ist sehr bereichernd.

VOD: Gibt es Ihrer Kenntnis nach in Gambia andere Osteopathen/innen?

Hildegard Winkler: So wie ich es mitbekommen habe, ist Osteopathie in Gambia völlig unbekannt. Es war auch nicht möglich zu erklären, dass ich in Deutschland unter dem Titel „Heilpraktikerin“ arbeite. Für die Gambier war ich schlicht „Dr. Hilda“ und gleichbedeutend mit einer Ärztin.

VOD: Was treibt Sie persönlich zu diesem Engagement?

Hildegard Winkler: Für mich ist das Engagement eine politische Frage. Die reiche Welt – unter anderem Europa – hat eine große Verantwortung für die Zustände in den Ländern Afrikas. Angefangen bei der Kolonisation bis hin zu heutiger Ausbeutung der Länder und Zerstörung ganzer Landschaften und auch großer Wirtschaftsbereiche, ist die Ursache für die Armut und Perspektivlosigkeit zu einem großen Teil bei uns zu suchen. Selbst klassische Entwicklungshilfe findet fast nur statt, wenn die reichen Länder davon profitieren. Mir ist es wichtig, mit den KollegInnen in Gambia auf Augenhöhe zu arbeiten. Es klingt heute schon abgedroschen, aber das Wort von „Fluchtursachen bekämpfen“ ist richtig. In gemeinsamer Arbeit schaffen wir Perspektiven für Menschen dort, damit sie sich nicht in Verzweiflung aufmachen müssen auf einen häufig tödlich endenden Fluchtweg. Denn kein Mensch verlässt gerne seine Heimat, seine Familie und seine sozialen Zusammenhänge. Die Not, für die wir große Verantwortung haben, zwingt viele Menschen in die Migration. Und was sie dann hier erleben, ist für viele der Flüchtlinge hart, wenig wertschätzend und demütigend. Wenn ich nur ein winziges Stück für eine gerechte Welt tun kann, so will ich das tun.

VOD: Ihr Verein unterstützt eine gambische Nichtregierungsorganisation (NGO) beim Betrieb einer in Westafrika einmaligen orthopädischen Werkstatt. Was genau bietet die Werkstatt?

Hildegard Winkler: Tatsächlich ist diese Werkstatt für ganz Westafrika einmalig. Da sie von einer NGO betrieben wird, in Zusammenarbeit mit uns, ist es möglich, dass hier PatientInnen völlig unentgeltlich mit Hilfsmitteln aller Art versorgt werden. Das heißt, nicht nur GambierInnen suchen die Werkstatt auf, auch Menschen aus dem Senegal, Mali und Guinea z.B. Gäbe es diese Werkstatt nicht, wären alle, die für die Kosten der Hilfsmittelversorgung nicht aufkommen können, nicht versorgt, denn so etwas wie ein Gesundheitssystem gibt es in fast allen afrikanischen Ländern nicht. Konkret: Wer sich keinen Rollstuhl leisten kann, muß zuhause im Bett bleiben.

VOD: Was haben Sie persönlich als Osteopathin zukünftig in Gambia vor?

Hildegard Winkler: So lange wie ich noch in Deutschland eine Praxis betreibe, werde ich einmal im Jahr für ein paar Wochen nach Gambia fahren, um weitere Projekte mit unserer Partnerorganisation zu planen und durchzuführen; z.B. wollen wir innerhalb der nächsten Jahre ein Gästehaus bauen, damit die PatientInnen, die lange Wege auf sich nehmen, übernachten können. Osteopathisch werde ich weiterhin meine Fähigkeiten anbieten für alle, die es gebrauchen können und ich werde auch weiter Seminare an der Universität abhalten. Wenn ich mal in Rente gehe und noch irgendwie fit bin, werde ich längere Zeiträume in Gambia verbringen.

VOD: Dann wünschen wir Ihnen dabei viel Erfolg. Vielen Dank für das Interview!

Reisebericht Gambia


Wie alles begann

Im April 2016 hörten wir zum ersten Mal über die Möglichkeit, ehrenamtlich in einem afrikanischen Krankenhaus zu arbeiten. In einem Vortrag berichtete unsere Dozentin Hildegard Winkler von ihrer Reise ins westafrikanische Gambia.

Über die Gambia Solidarität Osnabrück des gemeinnützigen Vereins „Avanti!“ besuchte sie dort als Vereinsvorsitzende sowohl eine Orthopädiewerkstatt als auch das Edward Francis Small Teaching Hospital in der Hauptstadt Banjul. Zudem lernte sie die Physiotherapieschule des Krankenhauses kennen, erfreute dort Schülerinnen und Schüler mit einem Bobath-Konzept-Workshop und informierte sich zusätzlich über die Arbeit der Physiotherapeuten vor Ort.
Mit den Worten „Auch ihr seid alle herzlich nach Gambia eingeladen“ beendete Hildegard ihre Präsentation. Dieses Angebot löste direkte Begeisterung bei Jana, Rene und mir aus. Ein Anruf im Reisebüro, für jeden vier „Impfungen-To-Go“ und schon konnten die Koffer gepackt werden.

 

 

Von Volker Seitz.

(Volker Seitz) Der Kampf um den Machtwechsel in Gambia scheint nach einigem Her und Hin entschieden. Der am 1. Dezember 2016 abgewählte Despot Jammeh hat unter dem militärischen und diplomatischen Druck der afrikanischen Nachbarn und der UNO seine Niederlage nun doch akzeptiert und geht ins Exil. Guineas Präsident Alpha Condé und sein mauretanischer Amtskollege Mohamed Ould Abdel Aziz konnten ihn schließlich zum Machtverzicht bewegen. Wie die neue Regierung am Wochenende des 21./22. Januar 2017 mitteilte, hat sich der Diktator vor der Abreise noch kräftig aus der Staatskasse bedient und mindestens 12 Millionen US Dollar von der Zentralbank abgehoben.

Jammeh hält sich derzeit in Conakry, der Hauptstadt Guineas auf. Von dort stammt auch der verstorbene Vater seiner Frau. So konnte ohne die Hilfe der Europäer, USA oder Russlands eine militärische Eskalation vermieden werden. Ich halte es für besonders erwähnenswert, dass die Afrikaner in dieser Krise handlungsfähig waren und das Wahlergebnis durchgesetzt haben. Die robuste Reaktion der Nachbarn gibt Anlass zur Hoffnung, dass die Afrikaner auch künftig ihre Konflikte selbst lösen könnten. Hätte Jammeh nicht nachgegeben, wären Truppen aus dem Senegal, Nigeria, Togo und Ghana nach Banjul marschiert. Jammehs bereits in der gambischen Botschaft in Dakar vereidigter Nachfolger Adama Barrow ist damit neuer Staatschef.

Noch am Wahltag (1.12. 2016) hatte „Seine Exzellenz Sheikh Professor Alhaji Dr. Yahya AJJ Jammeh Babili Mansa“ (wie der – ehemalige – Präsident sich offiziell anreden ließ) angekündigt, dass er „eine Milliarde Jahre“ lang regieren werde, wenn „Allah das wünscht“. Oppositionspolitiker Adama Barrow hat die Wahl für sich entschieden und Jammeh hatte seine Niederlage eingeräumt. Eine Woche später weigerte er sich aber, die Macht freiwillig an seinen Nachfolger zu übergeben. Proteste wurden brutal aufgelöst. Der Armeechef erklärte seine Loyalität zum abgewählten Staatschef, und der Chef der Wahlkommission floh nach Todesdrohungen in den Senegal.

Ein friedlicher Machtwechsel ist in Afrika ein echter Fortschritt

Der Wahlgewinner, Adama Barrow, wurde er von einem Bündnis von acht Parteien unterstützt. Er war Leibwächter des früheren, von Jammeh gestürzten Präsidenten Dwada Jaware gewesen, danach Immobilienunternehmer. Dreieinhalb Jahre lebte er in Großbritannien. Gambia war bis 1965 britische Kolonie. Von Barrow wird erwartet, dass Gambia dem Commenwealth of Nations, den das Land 2013 verlassen hat, wieder beitreten will.

Ein friedlicher Machtwechsel ist in Afrika ein echter Fortschritt. Wenn Adama Barrow sich dem Rechtsstaat verpflichtet fühlt, kann ein echter Wechsel in dem Land einkehren. Die Bevölkerung wird sich nach meinen Erfahrungen mit dem neuen System identifizieren, wenn es Menschenrechte achtet, wenn eine glaubhafte Politik Gemeinwohl formulieren und durchsetzen würde, und dies eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Masse der Menschen zum Ziele hat.

Barrow wird vor allem das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen müssen und das Klima der Angst der letzten 22 Jahre aufarbeiten. Dazu gehört auch, die zahlreichen politischen Gefangenen freizulassen. Arbeitsplätze wird er in einem der ärmsten Staaten der Welt nur in der Landwirtschaft und im Tourismus fördern können. Es gibt so gut wie keine Industrie.

Auf dem UN-Entwicklungsindex, der unter anderem Lebenserwartung, Schulbildung und Pro-Kopf-Einkommen berücksichtigt, belegt Gambia Platz 175 von 188 Ländern. Nach Erkenntnissen der Vereinten Nationen leben sechzig Prozent der auf 2 Millionen Menschen geschätzten Bevölkerung in Armut. Die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft CEDEAO kritisierte frühere Wahlen in Gambia als „nicht frei, fair und transparent“. Gambia gehört wegen der Menschenrechtslage nicht mehr dem Commonwealth an. In einem Bericht führte der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen über Folter, Juan Mendez, gravierende Menschenrechtsmissstände in Gambia auf.

Mit dunkler Sonnenbrille fuhr und Hummer-Limousine

Yahya Jammeh hatte sich 1994 im Alter von 28 Jahren an die Macht geputscht und war davon ausgegangen, dass „kein Sterblicher“ ihm „die Präsidentschaft nehmen kann“. Er wollte sich zum fünften Mal wiederwählen lassen. Mit dunkler Sonnenbrille fuhr er auf seiner Hummer Limousine siegesgewiss durch das Land. Oppositionsparteien wurden behindert und Journalisten lebten gefährlich. Human Rights Watch prangerte ein Spitzelsystem und häufige unnatürliche Todesfälle an. Die UN vermutete schwere Verstöße gegen internationale Standards für Gefängnisse: Überfüllung, mangelhafte Ernährung, unzureichender Zugang zu medizinischer Versorgung und schlechte sanitäre Einrichtungen.

Die Wahl hatte in einem Klima der Angst stattgefunden. Unter Yahya Jammeh hat es immer wieder willkürliche Verhaftungen, Folter in Polizeigewahrsam und Entführungen gegeben. Im Vorjahr hatte Jammeh Gambia zur „Islamischen Republik“ erklärt und die Einführung der Sharia angekündigt. Seither haben die Türkei, Saudi-Arabien, Kuwait und Katar dem „muslimischen Bruderstaat“ weitere Hilfe zugesagt. Katar hat bereits den Bau von 16 Moscheen unterstützt.

Unter Jammeh bestand ein hohes Folterrisiko. Willkürliche Inhaftierungen und erzwungenes Verschwinden hat es ebenfalls gegeben. Außerdem kritisierte der Bericht die mangelnde Rechenschaftspflicht der Strafverfolgungsbehörden und der Sicherheitskräfte. Die UN vermutete schwere Verstöße gegen internationale Standards für Gefängnisse: Überfüllung, mangelhafte Ernährung, unzureichender Zugang zu medizinischer Versorgung und schlechte sanitäre Einrichtungen.

Regierungskritische Journalisten wurden ermordet. Der niedrige Bildungsgrad – insbesondere der Frauen – stabilisierte allerdings das blutige Regime. Seit 2007 „heilte“ Präsident Yahya Jammeh mit einer der Creme und einem Gebräu aus Pflanzen Infizierte vom HI-Virus. Diese fragwürdigen Methoden behinderten den Kampf gegen Aids und hielten Patienten von Medikamenten und überlebenswichtigen Therapien fern. Übrigens wurden 2006 und am 29.12.2014 jeweils ein Putsch gegen Jammeh niedergeschlagen. Man habe seit dem versuchten Staatsstreich auch einen Anstieg der Isolationshaft registriert, so Jeffrey Smith, Afrika-Experte beim Robert F. Kennedy Zentrum für Menschenrechte.

Die EU hat ihre Entwicklungshilfe für Gambia gestoppt

Jammeh hat im Juni 2015 die Vertreterin der EU in der gambischen Hauptstadt Banjul zur unerwünschten Person erklärt und zur Ausreise innerhalb von 72 Stunden aufgefordert. Der Grund für die Ausweisung war die Kritik der Europäischen Union an Gambias staatlicher Homophobie. In seiner Stellungnahme zur Ausweisung präzisierte Gambias Präsidialamt, Homosexualität sei „total gegen die religiösen, kulturellen und traditionellen Werte Gambias und wird daher nicht toleriert“. Schwule und lesbische Beziehungen sind in dem kleinen westafrikanischen Land, wie in zahlreichen anderen Ländern Afrikas auch, illegal; seit 2014 steht auf „besonders schweren Homosexualismus“ lebenslange Haft.

Seither nahm die Verfolgung von Homosexuellen zu und die EU hat ihre Entwicklungshilfe für Gambia gestoppt. Das neue Gesetz folgte auf eine Äußerung des Präsidenten Jammeh, der Homosexuelle „Ungeziefer“ nannte und ankündigte, sie „wie Moskitos“ zu jagen. Dem US-Nachrichtendienst „Vice News“ zufolge hielt Jammeh eine Rede vor Bauern in einem Dorf, in der er in Bezug auf Homosexualität sagte: „Wenn ihr es tut, werde ich euch die Kehle durchschneiden. Wenn du ein Mann bist und einen anderen Mann heiraten willst und wir dich erwischen, wird niemand dich je wiedersehen und kein Weißer kann da irgendetwas tun.“

Gambia ist eines der Hauptherkunftsländer für Flüchtlinge im Mittelmeer, und politische Verfolgung hat seit einem gescheiterten Putschversuch gegen Jammeh Ende 2014 stark zugenommen, berichten Menschenrechtsgruppen. Viele junge Männer sahen nur in der Emigration eine Zukunftschance. Mehr als 15.000 Gambier kamen bislang nach Europa. Aufgrund der gespannten Lage der letzten Wochen haben nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) 50.000 Gambier im Nachbarland Senegal Zuflucht gesucht. Das Staatsgebiet wird bis auf die Küste komplett vom Senegal umschlossen.

Volker Seitz war 17 Jahre als Diplomat in Afrika tätig. Sein Buch „Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann“ erschien 2014 bei dtv in 7. überarbeiteter und erweiterter Auflage. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

Dokumentation:

Den Artikel finden Sie unter: https://www.jungewelt.de/2017/01-05/031.php

(c) Junge Welt 2017

 

Jammeh sucht Konfrontation

Gambias Präsident spricht von Kriegserklärung des westafrikanischen Staatenbunds ECOWAS und droht mit Eskalation. Söldner für Leibgarde rekrutiert

Christian Selz, Kapstadt

Die Lage in Gambia spitzt sich weiter zu. Wie die Online-Zeitung Freedom Newspaper am gestrigen Mittwoch berichtete, habe der Kommandeur der National Republican Guard (NRG), General Saul Badjie, begonnen, Uniformen an Rebellen auszugeben. Rekrutiert würden vornehmlich Söldner aus anderen westafrikanischen Ländern wie Liberia, Sierra Leone, Mali und Senegal, dem einzigen Nachbarstaat Gambias. Die NRG gilt als Leibgarde des amtierenden gambischen Präsidenten Yahya Jammeh, der trotz seiner Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen am 1. Dezember vergangenen Jahres nicht abtreten will.

Nach erfolglosen Verhandlungsversuchen hatte die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (Economic Community of West African States, ECOWAS) am Donnerstag vergangener Woche beschlossen, Truppen nach Gambia zu entsenden. Die Einheiten der Eingreiftruppe des Staatenbundes (ECOWAS Standby Force, ESF) sollen dem Mandat zufolge unter Führung Senegals stehen. Die Mis­sion hat zwei erklärte Ziele: Zuvorderst soll »die Sicherheit des gewählten Präsidenten, politischen Führers und der gesamten Bevölkerung« gewährleistet werden, außerdem sollen »die Resultate der Präsidentschaftswahlen aufrechterhalten« werden. Im Klartext bedeutet das: Wenn Jammeh die Macht nicht an seinen Kontrahenten Adama Barrow übergibt, dem er knapp unterlegen war, will die ECOWAS ihn militärisch dazu zwingen. Als Ultimatum gilt der 19. Januar, der Tag, an dem Barrow der gambischen Verfassung nach vereidigt werden müsste.